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SymbolikVom Kaspar zum Kasperle
Zwischen Aufklärung und Romantik, Französischer Revolution und preußischer Besetzung, vor dem Hintergrund sozialer und politischer Umwälzungen, im Prozess der Umwandlung von dörflicher Idylle zur städtischen Industriegesellschaft treten Typen und eine wechselnde Zahl von Konflikten auf, in denen sich jeder Zuschauer wiederfinden kann. Und so sehr auch die geltende Ordnung auf den Kopf gestellt wird am Ende siegt immer das Gute, ist das soziale System immer ein sicheres Auffangnetz. Mit zuckersüßer Chuzpe, kreativer Subversivität oder frecher Unverschämtheit werden die Bugfiguren französischer oder preußischer Besatzung entschärft und wenn schon nicht integriert wenigstens neutralisiert. Auch in Köln sind eben jene Fremden die besten, die von hier kommen. Die Wurzeln des PuppentheatersWas in Köln das Hänneschen-Theater bietet, wird gern verglichen mit dem, was anderswo Kasperle-Theater heißt. Wie haben sich diese Puppentheater entwickelt? Drei Wurzeln haben sie in der Regel: das Krippen- und Mysterienspiel, das Volksschauspiel und die Commedia dellArte. Das geistliche Spiel von realen maskierten Personen oder mit Puppen zu kirchlichen Festen wie zur Advents- und Weihnachtszeit mit profanen und sogar komödiantischen Einlagen bestand bis Ende des 18. Jahrhunderts insbesondere in Österreich, Polen und Frankreich. Auch wenn beim Hänneschen-Theater die religiösen Stoffe hinwegsäkularisiert sind und der kirchliche Vorhof als Aufführungsort sowie die Festtermine als Veranstaltungszeitpunkte fortgefallen sind: Die handelnde komödiantische Hauptfigur, der Hanswurst alias u. a. Jean Potage, Jack Pudding, Maccaroni, Pickelhering in anderen Ländern wird von einer Beigabe zur Hauptperson, wandelt aber seinen Charakter. Den geistlichen Urgrund dieses Theaters merkt man nicht nur an den nach wie vor präsenten Bezeichnungen vom Krippenspiel oder dem Kreppe-Hänneschen. Der dreiteilige Bühnenaufbau des Hänneschen-Theaters entspricht exakt dem Steyrer Krippenspiel, von dem es der Gründer des Stockpuppentheaters, J. Ch. Winters, übernommen hatte. Auch das Vorkommen von Hänneschen und Bärbelchen in Kölner Kirchenkrippen zur Weihnachtszeit ist ein Hinweis auf die alten Wurzeln. Die zweite Wurzel ist das Volksschauspiel, das durch den Übergang vom geistlichen Spiel zum Volksschauspiel entstand. Seinen Mittelpunkt bilden jene archaisierenden Figuren (Günter Böhmer), die vor der Säkularisierung in Krippen- und Mysterien-spielen und bei geistlichen Aufzügen auftraten und durch oft derbe Faxen und nicht immer jugendfreie Possen das Publikum erheiterten. Der Fortfall des geistlichen Handlungsstoffes bot nun die Möglichkeit, auch das Unsägliche zu sagen. Das Ungesagte, das Nie-Gesagte, das Unsagbare und das Unsägliche sind die Stoffe, aus dem das Volksschauspiel lustvoll und lebensprall lebt. Die dritte Wurzel ist die Commedia dellArte, die im 18. Jahrhundert noch fröhliche Urstände auch in Köln feierte. In Rückbesinnung auf diese Spielform rekrutierte das Hänneschen-Theater den Typenkanon ebenso wie die Improvisationskunst. Die Kölner Eigenleistung bestand in der Inkulturation der Typen in ein kölnisches Handlungsfeld. So entstanden unverwechselbare Kölner Gewächse. Parallele Typen kann man im Antwerpener Poesjenellen Kelder finden, wo De Neus mit markant großer roter Nase und einfältigem Wesen ebenso vertreten ist wie De Schele, der schielt und zusätzlich so schön stottert, wie es der Speimanes später in Köln kultiviert. Erkennbar an der MützeWas den Kölnern ihr Hänneschen, war anderen ihr Kaspar, dessen Akzeptanz sich in der einvernehmenden Kuschelformulierung Kasperle ausdrückt. In vielen Gegenden des deutschsprachigen Raumes blieb er der für das Gute kämpfende Held der Kinder, ob er denn gegen Krokodile oder den Teufel kämpft er ist immer der Sieger, auch wenn es einmal nicht danach aussieht. Die dreikönigliche Herkunft des ins Komische gekehrten Königs Kaspar als Kasperle aber kann man nur noch manchmal feststellen, wenn sein Handeln pseudoreligiös begründet wird, wenn die Figur keine eheliche Bindung eingeht und wenn man auf die Mütze schaut. Aus der phrygischen Mütze der Magier ist eine Plümmelmütze geworden, ohne die kein Kaspar ein Kaspar ist. Und in Erinnerung an die bei der phrygischen Mütze nach vorn gerichtete Spitze hängt der Plümmel der Kasparmütze nicht nach hinten, sondern nach vorn. An ihren Mützen werdet ihr sie erkennen: Ob Kasperle oder Weihnachtsmann, ihre Kopfbedeckung deckt die Herkunft auf. Vielleicht liefert die Herkunft des Hänneschen aus dem Krippenspiel auch den Grund dafür, dass er immer integriert: Auch wenn die Bösen als die Bösen entlarvt werden sie werden nicht aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Dahinter steht die kluge oder schon weise zu nennende Erkenntnis, dass die Guten nie nur gut und die Bösen nie nur böse sind. Ob Kasperle oder Hänneschen: Die regional verorteten exemplarischen Charaktere eignen sich nicht zum Klassenkampf oder zur ständischen Revolte gegen die da oben. Die Handlungen leben vom Psychogramm menschlicher Interaktivität: Kinder und Erwachsene, Städter und Dörfler, Trieb- und Kulturmensch, Buch- und Kopfmensch. Wir selbst finden uns in diesen Typen und ihren Konflikten wieder und das nicht nur in den vermeintlich guten. Wenn sonst nichts vom geistlichen Spiel erhalten geblieben wäre: Hinter der Britz finden sich eben nicht bloß Hohlköpfe und Holzköpfe. Dass der Mensch das Gute, das Schöne, die Wahrheit will und auf dem Weg dahin oft an sich selbst scheitert, bleibt ein gemeinsames Grundmuster von geistlichem Spiel und Volksbühne. © Prof. Dr.theol. Manfred Becker-Huberti, Köln |
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