Sternsinger vor dem Kölner Dom
Foto: M. Bollen
Wenn allein in Deutschland um die Jahreswende oft bis weit in den Januar hinein etwa 500.000 Kinder und Jugendliche als Heilige Drei Könige gekleidet mit einem Stern von Haus zu Haus ziehen, dann ist dies die weltweit größte Initiative von Kindern für Kinder in Not. Die Kinder und Jugendlichen, die als Sternsinger daherkommen, sammeln Geld für Not leidende Kinder in Afrika, Asien, Ozeanien, Lateinamerika und in Osteuropa. Diese unvergleichliche Kinderinitiative darf für sich in Anspruch nehmen, zugleich die erfolgreichste Aktion zu sein. Im Jahr 2004, exakt 840 Jahre nach Ankunft der Gebeine der Heiligen Drei Könige in Köln, haben die deutschen Sternsinger aus fast 13.000 Kirchengemeinden rund 33 Millionen Euro gesammelt, womit über 3.000 Projekte für Kinder unterstützt werden können. Unterstützt werden Maßnahmen aus den Bereichen Evangelisierung, Bildung, Gesundheit, Ernährung, Rehabilitation und Nothilfe. Und 2004 war kein Ausnahmefall:
Mindestens seit 1959 haben die Sternsinger Jahr für Jahr ihr Sammelergebnis gesteigert die damaligen 15 Millionen Euro sind inzwischen mehr als verdoppelt. Von den so zusammen gekommenen mehr als 300 Millionen Euro wurden bislang mehr als 25.000 Projekte in aller Welt gefördert.
Ein alter Brauch entsteht neu
Wie ist die weltweit größte Solidaritätsaktion der Kinder entstanden? Nach dem Ersten Weltkrieg, vor allem aber nach dem Zweiten Weltkrieg, entstanden in verschiedenen Kirchengemeinden, angeregt durch Lehrer und Pfarrer, Sternsingerinitiativen. Aktionsmaterialien sollen Kinder in Deutschland die Lebenssituation von Gleichaltrigen in Ländern der Dritten Welt kennen lernen lassen. Die Aktionserlöse kommen aber nicht nur dem Beispielland, sondern Kindern rund um den Globus zugute.
Die meist acht- bis dreizehnjährigen Sternsinger werden heute von Messdienerinnen und Messdienern, Mitgliedern von Kinder- und Jugendchören, Jugendverbänden und anderen Gruppen gestellt. Rund 90.000 ältere Jugendliche und Erwachsene begleiten die Kinder und bereiten sie vor. Es gibt jährlich einen bundesweiten Auftakt der Sternsingeraktion und in fast jeder Diözese eine diözesane Eröffnungs- oder Aussendungsfeier. Politiker zeigen sich gerne vor der Kamera spendabel, wenn die Sternsinger sie besuchen. Auch der deutsche Bundeskanzler unterstützt auf nationaler Ebene das Anliegen der Sternsinger. In den ersten Jahren der neu organisierten Sternsingeraktion wurde das Signum C+M+B der Heiligen Drei Könige nicht mehr nur mit Caspar, Melchior und Balthasar übersetzt, sondern neu gedeutet als: Christus Mansionem Benedicat Christus segne dieses Haus. Theologisch liegt also nun das Schwergewicht beim Segen Gottes, der nach katholischer Auffassung durchaus durch Heilige vermittelt werden kann. Dem magischen Missverständnis eines apotropäischen Zeichens der Vergangenheit wird so Paroli geboten.
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Sternsinger Gemälde Jan Steen, 17. Jahrhundert |
Wie kamen die Pädagogen und Theologen, die Messdiener und Mitglieder von Jugendverbänden auf die Idee, das Sternsingerbrauchtum neu zu begründen?
Alte Form des Sternsingerbrauches
Den ältesten Hinweis auf ein Umherziehen mit dem Stern von Betlehem in Nachahmung der Heiligen Drei Könige enthält die Legende der Heiligen Drei Könige von Johannes von Hildesheim (siehe Kapitel Quellen) sieht man einmal von auf Mailand bezogenen Legenden ab, die vor der Translation der Reliquien nach Köln schon dort entsprechende Umzüge unterstellen. Diese Legenden scheinen aber erst nach der Reliquientranslation entstanden zu sein. Johannes berichtet von der Feier des Erscheinungsfestes im Morgenlande. Dort faste man am Vorabend des Geburtstages des Herrn (5. Januar) bis zur Dämmerung. Dann speise man gut an einem festlich gedeckten Tisch, auf dem auch Kerzen stünden, bis zum Erscheinungsfest. Am Vorabend des Epiphaniastages gehe nach Sonnenuntergang ein jeder mit einer brennenden Kerze zum Haus seiner Freunde und Nachbarn und sage: Ich wünsche euch einen guten Tag! Festmahl, Nachtwache und Lichterumzug geschähen in Erinnerung an den Stern, der mit seinem strahlenden Licht die drei Könige in dreizehn Tagen nach Betlehem geführt habe. In diesen dreizehn Tagen hätten die heiligen Magier auch keine dunkle Nacht erlebt, sondern einen einzigen, leuchtenden, hellen Tag.
An anderer Stelle berichtet Johannes von Hildesheim, die Inder erzählten, wenn wegen der Sünden der Bewohner eine Not das Kölner Land der die Stadt bedroht, dann tragen drei Priester mit goldenen Kronen die Reliquien [= kostbare Armreliquien der Heiligen Drei Könige, die in ihren Händen je Gold, Weihrauch oder Myrrhe halten] und einen goldenen Stern vor dem Sakrament durch die Straßen der Stadt. In einer Kirche, die sie bestimmt haben, stellen die Priester die Arme der Könige auf den Altar, sie opfern die drei Gaben, die an den Händen befestigt sind, wie einst die drei Könige ihre Gaben geopfert haben. Alles Volk nimmt daran teil, und wenn Reue und Andacht tief und aufrichtig sind, dann wendet Gott gnädig Not und Angst von der Stadt ab.
Sterndreher
Diese Erzählung aus Indien hatte in Köln kein reales Vorbild. Armreliquiare von Kaspar, Melchior und Balthasar hat es auch nie gegeben. Aber der beschriebene szenische Aufzug der wie die drei heiligen Magier Verkleideten mit Krone, Stern und Geschenken, angesiedelt an Epiphanie, verband sich wohl mit Neujahrswünschen, apotropäischem Haussegen in Form der Initialen der Heiligen. Ab dem späten Mittelalter, dem 13./14. Jahrhundert, wird es gebräuchlich, den Zug der Magier real nachzuspielen. Typisch für den alten Sternsingertyp, der bis in das 18./19. Jahrhundert bestand: Der erleuchtete Stern von Betlehem auf einer Stange ließ sich drehen. Entsprechend hieß das Spruch- oder Gesangsgut, das bei einem Hausbesuch vorgetragen wurde, Sterndreherlied. Und für die Segenswünsche und den Haussegen steckte man den meist jugendlichen Besuchern auch etwas zu: zu trinken, zu essen und dann auch ein paar kleine Münzen.
Die Möglichkeit, als Sternsinger Kasse machen zu können, zog mit der Zeit auch kontrapoduktive Elemente an, durch die der Brauch in Misskredit geriet, weil sie das Sternsingen zum Heischebrauch umformten und auf die Besuchten Druck ausübten, möglichst viel Geld herzugeben. Die Reformation, die die Heiligen als Vermittler für überflüssig hielt, hatte natürlich auch für die Sternsinger keinen Sensus. Weil dies aber so war, nutzte die Gegenreformation die Sternsinger zur eigenen Profilierung. Neue Liedtexte und Ansagesprüche entstanden, die Inszenierung des Aufzuges wurde reglementiert und beaufsichtigt. Aber dennoch: Es ließ sich kaum verhindern, dass zwielichtige Elemente die Sternsingerei nutzten, um sich ein Zubrot zu verschaffen. Auch Arbeitslose trieb oft die blanke Not in diese Rolle, um sich und der Familie das Überleben zu ermöglichen. Wie es 1552 in Innsbruck in einem Ratsprotokoll hieß, wird es andernorts ähnlich geheißen haben: Das Sternsingen soll man nicht gestatten dieweil es eine schmarotzerey. Allerdings ausrotten ließ sich das Sternsingen nicht. Was für die einen Brauchtum und Traditionspflege, die anderen Gelegenheit zur Beute, war nicht mit einem Schlag zu beenden. Aber gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurden die ersten Verbote nicht nur erlassen, sondern deren Geltung auch durchgesetzt. Man höre und staune: Als in Thüringen 1780 die Sternsingerei wegen groben Unfugs polizeilich verboten wurde, protestierte ausgerechnet Johann Wolfgang von Goethe bei einer Weimarer Hofredoute am 6. Januar 1781 mit einer Variation des bei den Umzügen üblichen Sterndreherliedes. Vielleicht ein Beleg dafür, dass auch in protestantischen Kreisen und höheren Gesellschaftsschichten das Vorgehen gegen die Sternsinger Gesprächsstoff bot.
In domestizierter Form, als Konzert von Schulchören oder Sängerknaben, hat es das Sternsingen bis zum 19. Jahrhundert noch gegeben, und die eine oder andere alpine Gemeinde hat sich nicht allzu sehr darum geschert, was die Obrigkeit gegen ihren Willen abschaffen wollte.
Kinder helfen Kindern
Das Wiederaufgreifen des Sternsingerbrauchtums nach dem Zweiten Weltkrieg durch die katholische Kirche stellte nicht mehr den Gewinn des einzelnen Sternsingers in den Vordergrund, sondern den der Not leidenden, abwesenden Dritten. Dieser Gedanke hat eine interessante Parallele: die Partnerschaft der Erzdiözesen Köln und Tokyo, die 1954 begann und von Köln ausging. Die Menschen im Rheinland hatten kaum genug, um das eigene Überleben zu sichern, signalisierten aber mit der Aktion ihre Verantwortung gegenüber den Menschen in einem anderen Land, mit denen sie teilten. Gleiches wollte die Sternsingeraktion: Glauben leben und mit Hilfsbedürftigen teilen denen helfen, die hilflos sind. Dazu passend entstanden keine gigantischen Aufsichtsbehörden und keine Verwaltungspaläste. Mit einem Minimum an finanziellem und personellem Aufwand werden die zahlreichen Projekte durch das Kindermissionswerk Die Sternsinger ausgewählt und begleitet.
Sternsinger bringen heute in dreifachem Sinn Segen: Sie tragen zunächst Gottes Segen in die Häuser ihrer Heimat, mit den gesammelten Spenden spenden sie Not leidenden Kindern Segen, und damit sind sie selbst ein Segen für andere. Mit ihrem Stern, dem ihre Vorbilder gefolgt sind, um einen ihnen unbekannten Gott anzubeten, verweisen die Sternsinger darauf, dass Gott sich allen Menschen anbietet, sie zu Gott und zu sich selbst führen will. Und das beweisen die Sternsinger doch jedes Jahr aufs Neue wer sich auf Gottes Spur begibt, kann gar nicht fehlgehen!
© Prof. Dr.theol. Manfred Becker-Huberti, Köln