Brauchtum

Verehrung (Entwicklung)

Das Verkleiden am Dreikönigstag hat lange Tradition
Foto: M. Bollen


Ein Indiz für die Inkulturation von Heiligen ist die Verbreitung ihrer Namen als Ruf- und Familiennamen. Kaspar (im Mittelalter war Jaspar geläufiger, ein Begriff, der vom Französischen ins Niederrheinische und Kölnische eingedrungen war), Melchior und Balthasar breiteten sich als Namen ab dem 13./14. Jahrhundert aus. Sie werden nicht nur in Vollform und in zahlreichen Kürzeln als Vornamen übernommen, sie bilden auch Familiennamen nicht nur im deutschsprachigen Teil Europas, sondern bis in das slawische und litauische Sprachgebiet:

Aus Kaspar wird auch Kasper, Casper, Caspari, Caspers, aber auch Gaspar, Gaspari, Gasper, Jasper und Kasparek, Kasperek, Kasperski, Kasprzyk, Kasparowicz und Kaspareit.
Melchior bildet Melcher, Mellicher, Melchers und Melchert. Immerhin gab es einen Kölner Erzbischof mit einem solchen Namen: Paulus Melchers (1866–1885), der zweite Kölner Kardinalerzbischof, der – im Kampf gegen die preußische Kirchenpolitik – fünf Monate im Gefängnis verbrachte und fast zehn Jahre das Erzbistum Köln von Maastricht aus leitete. Balthasar bringt hervor: Baldas, Baldus, Baldis, Baldzuhn, Balz, Bälz, Balzel, Balzer, Baltrusch(at), Baltruweit, Baltr(us)at(is), Baltus, Bal(t)zer, Batrus, Palczar.

Die tiefe Volksverbundenheit der Heiligen Drei Könige zeigt sich in dem über Jahrhunderte entstandenen Brauchtum, von dem manche Menschen nur noch das Sternsingen zu kennen scheinen. Nachfolgend stehen erst das liturgienahe Brauchtum, dann das volksfromme Brauchtum und schließlich das Bohnenfest und die benachbarten geistlichen Narrenfeste im Mittelpunkt.

Liturgisches Brauchtum


Johannes von Hildesheim (um 1310/20–1375) hat für seine phantasievollen Beschreibungen von Dreikönigsumgängen in Köln, gespiegelt durch angeblich indische Augen (vgl. Kapitel „Sternsinger“), möglicherweise Kölner Verhältnisse zum Vorbild genommen. Rainald von Dassel hatte im 12. Jahrhundert jährlich zehn Mark zur Feier der Epiphanie in Köln gestiftet. Als Könige verkleidet stellten drei Personen die Anbetung der Heiligen Drei Könige dar, ihnen voraus wurde der Stern von Betlehem getragen. Bei dieser Art des liturgienahen Brauchtums versammelten sich alle Kölner Kleriker in der Kathedrale, städtische Repräsentanten trugen die Dreikönigsreliquien, die Eucharistiefeier fand „cum leticia magna“ statt.

Diese Prozession und die stimmungsvolle Messe hatten schon etwas vom Dreikönigsspiel, das ab dem 13. Jahrhundert aufkam und nach der Prozession und vor der Messe in den Kirchen stattfand. Gespielt wurde der Zug der Könige unter der Führung des Sterns, die Begegnung mit Herodes, die Weiterreise nach Betlehem, die Anbetung an der Krippe und der Traum der Magier, in dem ihnen ein Engel einen Weg nach Hause wies, ohne Herodes erneut begegnen zu müssen. Die ältesten Dreikönigsspiele sollen aus dem 11. Jahrhundert stammen.

Eine ganz besondere Prozessionsform gab es in Köln in Fällen größter Not. Mit einer logistischen Glanzleistung zogen die Stiftskleriker und der übrige Klerus von jeweils unterschiedlichen Ausgangsorten zum Dom. Dabei begleiteten sie je einen der Kölner Reliquienschreine. Mit der „geballten Macht“ aller um die Heiligen Drei Könige versammelten Kölner Heiligen beteten die Kölner um Gnade und Hilfe.

„Hochgeweites” Wasser


Das Benediktionale von 1978, das liturgische Handbuch der Segnungen, macht auf die drei Aspekte des Dreikönigsfestes bzw. des Festes Epiphanie aufmerksam: „Heute führte der Stern die Weisen zum neugeborenen König. Heute wurde bei der Hochzeit Wasser zu Wein. Heute wurde im Jordan Christus von Johannes getauft, uns zum Heil.“ Anknüpfend daran, dass Jesus in fließendem Wasser getauft wurde, berichtete Johannes Chrysostomus (um 354–407) über den Dreikönigstag: „Die Leute bringen um Mitternacht dieses Festes Wasser in Krügen, das sie geschöpft haben, nach Hause und bewahren es das ganze Jahr auf, weil heute dieses Wasser geheiligt ist.“ Dies geschah in Erinnerung an die Taufe Jesu im Jordan. Einer wundergläubigen Zeit entspringt der zweite Teil der Mitteilung: „Es geschieht ein offenbares Wunder, da dieses Wasser trotz der Länge der Zeit, oft zwei und drei Jahre lang, unverdorben und frisch bleibt und trotz so langer Zeit mit dem erst jüngst geschöpften Wasser durchaus wetteifern kann.“ Neben dem Wasser der Osternacht, dem Osterwasser, hat das Dreikönigswasser in der Volksgläubigkeit den Rang „hochgeweihten“ Wassers. Mit einem Gefäß, das nur diesem Zweck diente, transportierte man das Wasser, das ursprünglich wohl nur in fließenden Gewässern geschöpft wurde, später zur Segnung in die Kirche und dann nach Hause. In der Kirche hatte der Priester bei seinem Segen u. a. gesagt: „Segne dieses Wasser mit der Kraft des Heiligen Geistes. Lass es Menschen, die es in der Wohnung aussprengen, zum Zeichen deiner Macht und Nähe werden.“
Das gegenwärtige Benediktionale (vom Jahr 2002) formuliert: „Die Segnungen am Epiphaniefest sollen sichtbar machen, dass die Menschwerdung Jesu in den Alltag hineinwirkt. Der Ursprung des Epihaniefestes liegt im Osten, wo an diesem Tag zum Gedächtnis der Epiphanie bei der Taufe Jesu die Taufwasserweihe und die Segnung der Flüsse stattfinden.“

Vor dem Hintergrund, dass – wie einst bei Jesus der Jordan – fliessendes Wasser für das Dreikönigswasser Voraussetzung ist, muss auch der orthodoxe Brauch gesehen werden, wonach man am Dreikönigsabend in das um diese Jahreszeit unter Eis erst frei zu legende fließende Wasser springt und ruft: „Mütterchen Quellwasser, reinige mich von Sünden und Leiden.“ Was für die einen ein religiöser Brauch, ist für andere bloß ein eiskalter Jux oder eine kühle Mutprobe. Das Eisloch wird in Kreuzform gehackt oder mit Kerzen, Staatsfahnen und Ikonen umstellt. Die einen überstehen den Kälteschock durch vorheriges Aufheizen in einem Dampfbad, die anderen durch größere Mengen Wodka oder – angeblich – geweihtes Wasser (natürlich ohne Alkohol).

C+M+B


Nach altem Brauch werden im katholischen Deutschland am Epiphaniefest die Häuser gesegnet, oft in Verbindung mit dem Besuch der Sternsinger. Auf den Türsturz zeichnet man mit der geweihten Kreide das jahresbezogene Zeichen 20*C+M+B*05. CMB bezeichnet einerseits die Heiligen Drei Könige Kaspar, Melchior und Balthasar, andererseits deutet man es auch als „Christus Mansionem Benedicat“ – „Christus segne dieses Haus“. Zur Haussegnung zieht man betend mit brennendem Weihrauch durch die Räume. Der emporsteigende Weihrauch ist Symbol für das Gebet, das wie der Weihrauch zu Gott emporsteigen soll, um dort Gottes Wohlgefallen zu erregen. Das geweihte Wasser soll alles segnen und abwaschen, was uns von Gott entfernen könnte. Bis vor dem Zweiten Weltkrieg zeichneten am Dreikönigsabend der Hausvater, ein Geistlicher oder der gewählte Bohnenkönig am Türsturz von Wohnhäusern, Scheunen und Ställen, an einzelnen Räumen und sogar an Kirchen das Dreikönigszeichen an. Von der Nachkriegszeit an vollzogen die Sternsinger dieses Ritual.

Nach altem Volksglauben hat die weiße Kreide, mit der die Haustür bezeichnet wird, apotropäische Funktion. Alles Weiße ist den Dämonen nicht sichtbar, und deshalb „trifft“ sie der Segen um so heftiger, weil sie die Gefahr vorher nicht erkannt haben.
Nahezu überall werden Kreide und Weihrauch geweiht. Zur Kreideweihe spricht der Priester: „Gütiger Gott, segne [...] diese Kreide, mit der wir das Zeichen des Kreuzes über den Eingang unserer Häuser (Wohnungen) setzen. Lass uns nicht vergessen, dass unser ganzes Leben dem gehört, der uns in diesem Zeichen erlöst hat.“

Und bei der Segnung des Weihrauchs betet der Geistliche: „Herr, unser Gott, segne [...] diesen Weihrauch, den wir im Gedenken an die Gaben der Weisen aus dem Morgenland entzünden werden. Mache ihn zum Zeichen deines Segens, wenn er unsere Häuser durchdringt, und mache unsere Wohnungen zu einem Ort der Brüderlichkeit und des Friedens.“

Der Priester segnet am Dreikönigstag das Dreikönigswasser und – wo es noch üblich ist – das Dreikönigssalz. Das Wasser soll an das Wasser der Taufe erinnern, das Sünden abwäscht, das Salz wiederum kann schal gewordenem Wasser Kraft zurückgeben.

Volksfrommes Brauchtum


Das volksfromme Brauchtum zeigt, dass unsere Vorfahren die Macht der Heiligen Drei Könige außerordentlich hoch geschätzt haben. Sie unterstellten den drei Magiern, Schutz zu verleihen und Unglück abwehren zu können. Am Niederrhein schrieb man das Dreikönigszeichen auch auf Papier und heftete es an die Tür oder man nahm dazu den so genannten Dreikönigszettel her. In Norddeutschland hat sich die Begründung für dieses Tun in der Redeweise erhalten, „denn sie lassen nicht ein, was quad ist“, d. h. das Dreikönigszeichen weist die Dämonen ab.

Im Laufe der langen Brauchgeschichte war auch das Räuchern von Haus und Hof am Dreikönigstag eine feststehende Größe und – natürlich – nicht immer frei von Aberglauben. Die Segnung der Räume sollte sie nach zeitgenössischen Auffassungen auch gegen die Dämonen, Verhexung und schlechtes Wetter schützen. Dem Weihrauch mischte man deshalb Kräuter bei, die als dämonenabwehrend galten, z. B. Raute oder Wacholder, Kräuter vom am Tage Mariä Himmelfahrt geweihten Strauß, ein Stückchen der Osterkerze oder von einer an Lichtmess geweihten Kerze.

Feuerschutzheilige


Besonderen Schutz erhoffte man von den Dreikönigen gegen die Gefahren des Feuers – in Zeiten hölzerner Bauwerke eine ständige Bedrohung. Gegen die Feuersgefahr wurde das Dreikönigszeichen angebracht, die Dreikönige als Schutzheilige gegen das Feuer angerufen. Angebetet wurden die Heiligen Drei Könige auch, um die Feldfrüchte zu schützen. In Teilen der Steiermark wurden am Dreikönigsabend aus dem am letzten Palmsonntag geweihten Palmholz kleine Kreuze gefertigt, in die Fensterrahmen des Hauses und größere Kreuze auf die Felder als Schutz gegen Hagel gesteckt. Anderntags wurden die Feldkreuze noch mit Weihwasser besprengt. Im Böhmerwald war das „Schaupbrennen“ üblich, das Getreide gegen Hagel, Reif und Mehltau schützen sollte. Auf das Getreidefeld stellte man ein Tannen- oder Föhrenbäumchen auf und befestigte rings herum gedroschenes Kornstroh (= Schaup) mit Bändern. Der Anzünder umkreist das Bäumchen und sprach bei der ersten Runde: „König Kaspar“, bei der zweiten: „König Balthasar“ und bei der dritten: „König Melchior! Ich hab’ euch alle drei genennt, damit uns das Korn nicht verbrennt.“ Während er das Feuer mit Weihwasser besprengt, spricht er: „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.“

Dämonenabwehr


Zur Abwehr der Dämonen veranstaltete man in Süddeutschland das Perchtenlaufen, das heute aus touristischen Zwecken künstlich am Leben gehalten wird. Die Percht (auch: Frau Bert, Berschtl, Eisenberta o. ä.) zieht nach dem Volksglauben in den Zwölf Nächten, besonders aber in der Dreikönigsnacht, die auch Oberstnacht oder Perchtennacht heißt, als böser Dämon umher und richtet auf Haus und Feld Schaden an. Um sie und die sie begleitenden Geister zu vertreiben und damit Schaden abzuwehren, verkleiden sich junge Männer als Perchtenläufer und toben wild lärmend einher.

Zur Abwehr der Dämonen veranstaltete man in Süddeutschland das Perchtenlaufen, das heute aus touristischen Zwecken künstlich am Leben gehalten wird. Die Percht (auch: Frau Bert, Berschtl, Eisenberta o. ä.) zieht nach dem Volksglauben in den Zwölf Nächten, besonders aber in der Dreikönigsnacht, die auch Oberstnacht oder Perchtennacht heißt, als böser Dämon umher und richtet auf Haus und Feld Schaden an. Um sie und die sie begleitenden Geister zu vertreiben und damit Schaden abzuwehren, verkleiden sich junge Männer als Perchtenläufer und toben wild lärmend einher.

Liegt es daran, dass die pilgernden Magier nichts darüber mitgeteilt haben, dass sie störrische Reittiere hatten? Offensichtlich waren unsere Vorfahren sich auch darin sicher, dass die Heiligen aus dem Morgenland auf störrische, widerspenstige, entlaufene oder einzufangende Tiere eine besondere Wirkung hatten. Aus dem 16./17. Jahrhundert ist überliefert: „Das ein pferdt stehen mus, wenn mans beschlagen will. So sprich diese wordt dem pferde in das rechte ohre:

„Caspar, der fache dich,
Balthasar, der bynde dich,
und Melchior, der fiere dich.”


Mit diesem Spruch brachte man nicht nur nervöse Pferde zum Stillstehen, sondern zwang Pferde, Hunde oder anderes Getier, einem nachzulaufen.

Helfer gegen Krankheit


In einer Zeit, die Krankheit noch als Strafe ansah und keine naturwissenschaftliche Erklärung für das Auftreten von Krankheiten und deshalb auch keine Mittel zum Heilen kannte, waren die Heiligen die einzigen Kräfte, denen man vorbeugende, mildernde und beseitigende Kräfte zutraute. Die Heiligen Drei Könige galten seit alten Zeiten als besonders wirkmächtig gegen Fallsucht und Epilepsie (morbus caducus). Der wohl dem 11. Jahrhundert zuzuschreibende Dreikönigssegen Bedas lautet:

„Gaspar fert myrrham, tus Melchior, Balthasar aurum,
haec tria qui secum portabit nomina regum,
solvitur a morbo Christi pietate caduco.”


Dieser Dreikönigssegen gegen Fallsucht taucht seit dem 15. Jahrhundert in verschiedenen Varianten immer wieder in den so genannten Himmelsbriefen oder anderen Traktaten der Zaubererliteratur auf. Noch um die Mitte des 19. Jahrhunderts kann ein Buch das alte „Rezept“ liefern: „Wider die fallende Sucht oder schwere Not hilft ein Zettel angehenkt am heil. Dreikönigstag, darauf geschrieben stehet: Caspar fert Myrrham ...“ (J. Scheible: Das Schaltjahr. Stuttgart 1846/47, I, S. 545).

Was gegen Fallsucht und Epilepsie half, konnte auch bei anderen Krankheiten nicht schlecht sein, dachten sich die Menschen früher wohl und nahmen die Heiligen Drei Könige in Anspruch beim Biss tollwütiger Hunde, gegen Fieber, Zahnschmerzen, ja, sogar zur Entdeckung von Dieben. Die Menschen hofften auch, dass die unter Frais gefassten Kinderkrankheiten (z. B. Krämpfe, Gliederzucken, Augenverdrehen und Kopfgrind) mit den Heiligen Drei Königen zu heilen waren. Gegen diese Krankheiten trug man „Fraisketten“, auf denen die heiligen Magier erwähnt waren. Auch auf den Krampfringen, gedrechselten oder geschnitzten Halsringe aus Steinbockhorn, gab es Eingravierungen mit den Dreikönigszeichen. Metallene Ringe dieser Art wurden in Süddeutschland noch nach dem Ersten Weltkrieg verkauft.

In Frankreich – und wahrscheinlich nicht nur dort – reichte der Glaube an das magische Wirken der Dreikönige noch weiter. Zum Ende des 17. Jahrhunderts wird berichtet, dass die Heiligen Drei Könige gegen Kopfschmerzen, Fieber, Verhexung, Zauberei, Reisegefahren und den plötzlichen Tod angerufen wurden. Man schützte sich gegen diese Bedrängnisse dadurch, dass man ein Bild der anbetenden Könige bei sich trug, das die Inschrift enthielt: „Sancti tres reges, Gaspar, Melchior, Balthasar, orate pro nobis nunc et in hora mortis nostrae.“

Wünschelrute„taufe”


Wer solche Reichtümer wie die Heiligen Drei Könige besaß, wusste wohl auch den Weg zu ihnen, haben sich einige unserer Ahnen schlau gedacht und deshalb die Drei als besondere Helfer bei der Gewinnung und Anwendung der Wünschelrute verwendet. In einschlägigen Beschwörungsformeln werden sie deshalb bei der Suche nach Gold angerufen. Wollte man mit einer Wünschelrute Gold finden, „taufte“ man sie auf den Namen Kaspar, Melchior, wenn sie zum Wasser führen, Balthasar, wenn sie Silber entdecken sollte.

Als Reisepatrone sind die weit gereisten Heiligen Drei Könige geradezu prädestiniert. Seit dem Mittelalter werden sie in nahezu allen Reisesegen angerufen. Im 12. Jahrhundert wird jemand angewiesen, drei Vaterunser zu beten zu „den drin koningen daz er gesunt wider come, vnd allez sind gesinde gesund vinde“. Wenigstens in Frankreich war es üblich, am Mittwoch des Dezember-Quatembers eine Messe „von der Abreise der drei Weisen“ für die Reisenden zu feiern, „Messe d’or“ genannt. In alten Missalen finden sich für diese Messen eigene Formulare. Manch einer glaubte, schneller und mit geringerer Ermüdung zu reisen, wenn er einen Reisesegen der Heiligen Drei Könige in schriftlicher Form im Schuh oder in den Kniekehlen trug.

Reisesegen, in deren Formeln die Heiligen Drei Könige eingebunden waren, gab es zuhauf. Sie lauten z. B.:

„Jesus, Maria und Joseph sei vor,
Kaspar, Melcher und Balthasar sei hinter mir,
die heiligste Dreifaltigkeit sei ob mir.”


Ein längerer Reisesegen aus dem Böhmerwald, bei dem Gott selbst und die Heiligen wie Bodyguards eingesetzt werden, lautet (in Auszügen):

„Ich trete über das Geschwell,
Jesus + Maria + Josef + die heiligen 3 Könige
Kaspar + Melchior + Balthasar sein meine Weggesell’n.
...
Jesus + Maria + Joseph + Kaspar + Melchior + Balthasar,
stehet mir bei in all meinem Thun,
in Handel und Wandel,
in Gehen und Stehen,
es sei auf dem Wasser oder zu Land,
vor Feuer und Brand,
die wollen mich bewahren mit ihrer starken Hand.
...
Die heilige Dreifaltigkeit sei ober mir,
Jesus, Maria, Joseph sei vor mir,
Kaspar, Melchior, Balthasar sei hinter mir“


Das relativ häufige Vorkommen von Gaststättennamen wie „Zum Mohr“, „Zum Stern“, „Zur Krone“, „Zu den Kronen“ und „Dreikönige“ oder „Zu den Heiligen Dreikönigen“ kann auf ein Hospiz oder ein Gasthaus an gleicher Stelle zurückzuführen sein, das an einem Wallfahrtweg stand, der nicht einmal nach Köln führen musste, denn die Heiligen Drei Könige waren als Reisepatrone für alle Wege zuständig. Das Reisepatronat hat auch dazu geführt, diese Heiligen für eine gute Sterbestunde anzurufen und sie zu bitten, einen Menschen vor einem plötzlichen Tod zu bewahren. Was sich heute die meisten Menschen wünschen, plötzlich, im Schlaf und ohne Schmerzen zu sterben, war für unsere Vorfahren das größte Fiasko. Der Tod wollte vorbereitet sein, nicht nur durch die Regelung der privaten Angelegenheiten, sondern auch durch „Seelenhygiene“, also durch Beichte, Sündenvergebung, Reue und die Krankensalbung, die damals noch Sterbesakrament oder Letzte Ölung genannt wurde.

Die starke Hoffnung auf die Wirkmächtigkeit der heiligen Magier, die historisch an der Spitze aller Heiligen stehen, hat dazu geführt, dass sie in nahezu allen Gefahren für Seele und Leib angerufen wurden. Die zu diesem Zweck geschriebenen und gedruckten Gebete lassen sich verschiedenen Gruppen zuordnen wie z. B. Schutzbriefen, Himmelsbriefen, Haus-, Flur- und Reisesegen. Die exakte Trennung zwischen – auch damals – akzeptablen religiösen Gebeten und magischem Einsatz derselben ist nicht immer möglich. Wer Gebete dieser Art wie ein Talisman oder Amulett um den Hals trug, die ihm Unverwundbarkeit und freie Passage auf allen Wegen versprachen, und das Gebet mehr als Beschwörungsformel denn einer Bitte vollzog, war auch schon im Mittelalter auf dem falschen Weg.

Dreikönigszettel


Zu dieser Gattung der Gebete gehören auch die „Dreikönigszettel“, die sich in ganz Europa erhalten haben. Gebete auf solchen Zetteln lauten wie der folgende Text:

Im Namen Jesu stehe ich heute auf
und neige mich von ganzem Herzen zu meinem Gott;
die Heiligen Drei Könige
Kaspar, Melchior und Balthasar
seien meine Weggesellen.
Gehe ich in meinem Hause aus oder ein,
so sei der Himmel meine Beschützung.
Der Stern der Heiligen Drei Könige führe mich auf die rechte Straße;
alle, welche mir begegnen,
sollen mir keine schädlichen Feinde,
sondern aufrichtige, gute Freunde sein.
Kaspar, Melchior und Balthasar stehen mir bei
in allen meinen Unternehmungen,
Thun und Lassen,
Handel und Wandel,
Gehen und Stehen,
zu Wasser und zu Land;
sie wollen mich vor Unglück,
Feuer und Wasser
Und vor Allem, was dem Leibe und der Seele schädlich sein mag,
mit ihrem mächtigen Beistande
allzeit behüten und bewahren!
Gott dem Vater ergebe ich mich,
in Gott dem Sohne empfehle ich mich,
in Gott dem heiligen Geist versenke ich mich.
Die heiligste Dreifaltigkeit sei ober mir,
Kaspar, Melchior, Balthasar seien bei und neben mir;
Diese bewahren mich,
mein Haus und alles, was ich habe
jetzt und allezeit.


Manche dieser Dreikönigszettel geben sich quasi autorisiert, wenn sie den Aufdruck zeigen: „Gebet, so zu Cölln am Rhein in der Domkirche mit goldenen Buchstaben geschrieben und aufbewahrt wird.“ In gleicher Funktion wie die Dreikönigszettel traten seit dem 14. Jahrhundert „Dreikönigsmedaillen“ auf, die als Talismane gegen alle Gefahren der Seele und des Leibes getragen wurden. Noch 1866 sollen die österreichischen Soldaten im Deutschen Krieg achteckige (!) Medaillen mit der Inschrift „Heilige Drei Könige Caspar, Melchior, Balthasar bittet für uns jetzt und in der Sterbestunde“ bei sich getragen haben.
Einige der Dreikönigszettel haben in der Volksfrömmigkeit eine besondere Rolle gespielt: Meist waren die drei Buchstaben C+M+B überproportional groß gedruckt und eine Grafik zeigte die Anbetung der Heiligen Drei Könige bzw. ihr Mausoleum im Kölner Dom. Die Zettel waren immer mit einer Jahreszahl versehen, wobei oft nur die beiden ersten Zahlen gedruckt waren, die beiden letzten handschriftlich hinzugefügt wurden. Die Druckplatte ließ sich so immer bis zum Ende eines Jahrhunderts benutzen (ähnlich bei gusseisernen Ofenplatten). Dreikönigszettel dieses Typs existieren in unüberschaubarer Fülle und zahllosen Variationen von Skandinavien bis zum Mittelmeer. Diese Dreikönigszettel konnte man im Kölner Dom erwerben. Sie galten oft als Berührungsreliquien, weil sie an das Dreikönigsmausoleum gehalten worden waren und somit die heilige Kraft der Magier besaßen.

Glückssterne


Ehe man sich zu Neujahr Glücksklee und rosa Schweinchen aus Marzipan verehrte, war es in Gebrauch, sich „Glückssterne“ zu schenken. Natürlich stand darauf das Namenskürzel C+M+B und Abkürzungen für die Namen Jesus, Maria und Josef. Unschwer ist die Funktion der Glückssterne zu erkennen. Ein Mirakelbüchlein von den Heiligen Drei Königen, 1722 erneut aufgelegt, erläutert:

„Von Hex- und Zaubereyen, deren seind wol tausendmal durch dergleichen Bilder oder Pfenningen vertrieben und verhindert worden. Also wirst du mit diesen [Dreikönigs-] Bildern auf Otteren und Basilisken gehen und zertrennen Löwen und Drachen, nämlich Zauberer und deren Unholden und Nachstellungen. (Cöllen zu bekommen in der Mutter Gottes Capellen im Hohen Thumb. Güldenes Handbüchlein.)“ Vielleicht nicht nur in Frankreich galt König Balthasar (warum nur er, ist unbekannt) als Patron der Spielkartenfabrikanten, vielleicht wegen der Darstellung von Königen auf den Blättern. Gleichfalls als Patron der Holzsäger kommt dieser König vor, wofür es bislang ebenfalls keine einleuchtende Erklärung gibt.

Bohnenfest und Königskuchen


Das Bohnenfest, das zum Typ der Narrenfeste gehört, hat römische und orientalische Vorbilder. Möglicherweise geht das Bohnenfest auf ein Festbrauchtum zurück, das die Kirche heute am 2. Januar feiert. Die lateinische Kirche begeht das Gedächtnis des heiligen Kirchenvaters Basilius; die griechische Kirche feiert ihn schon einen Tag zuvor. Basilius, um 330 in Cäsarea, dem heutigen Kayseri in der Türkei, geboren und am 1. Januar 379 verstorben, war Erzbischof in seiner Heimatstadt. Er trat als Bekämpfer des Arianismus und Garant des Zusammenhalts unter den Bischöfen hervor und gilt als der größte der „drei Kappadokier“, zu denen noch sein leiblicher Bruder Gregor von Nyssa und Gregor von Nazianz zählen. Basilius wird auch als der Vater des östlichen Mönchslebens bezeichnet. In weiten Teilen des Geltungsbereichs der Ostkirche erhalten die Kinder am Festtag des hl. Basilius statt an Weihnachten Geschenke. In das griechische Neujahrsbrot wird eine Gold- oder Silbermünze eingebacken, die dem Finder im neuen Jahr Glück bringen soll. Hier könnte ein Vorbild für den (Drei-)Königskuchen liegen.

Der in weiten Teilen Europas verbreitete Brauch, im Königskuchen eine Bohne zu verstecken, war im Mittelalter Kern des Königsspiels am Vorabend von Dreikönige (auch: Bohnenfest, [Drei-]Königsfest, Freudenkönig, Narrenkönig, Schwarzer König). In England trat dabei der Lord of Misrule zusammen mit der Königin Markfett auf. Der Finder der Bohne wurde zum König des Festes, zum Bohnenkönig oder Narrenkönig, ernannt. Er musste zu einem späteren Zeitpunkt ein Fest ausrichten und sich dabei einen Hofstaat zulegen. Vor allem durfte er eine Krone tragen, wie es Gemälde des 17. Jahrhunderts zeigen. Sobald er zum Glas griff, riefen alle Gäste: „Der König trinkt!“ – und tranken mit. Dieses „Reich auf Zeit“ des närrischen Bohnenkönigs mit seinem unechten Hofstaat und den leiblichen Genüssen enthält Elemente, die der Karneval ab dem 18./19. Jahrhundert in gewandelter Form als Maskenball wieder aufnimmt. Die Dienstboten derer, die das Bohnenfest feierten, erhielten von ihren Arbeitsgebern für den Sonntag nach Dreikönige große Brote mit einer oder zwei eingebackenen Bohnen geschenkt, um zu Hause mit ihrer Familie zu feiern. Etwas von dieser sozialen Haltung wünscht man modernen Partys!

Bohnenkönig


Für Köln ist das Fest des Bohnenkönigs erstmals für das Jahr 1510 belegt. Aber es dürfte sicher älter sein. In seinem „Weltbuch“ berichtet Sebastian Frank: „In jeder Familie backte man in einen Kuchen eine Münze hinein. Der Kuchen wurde in so viele Stücke geschnitten, als Familienmitglieder da waren, aber auch Christus, die heilige Maria und die heiligen drei Könige bekamen einen Teil, den man ihnen ,umb Gotswillen‘ gab. Wer das Stück mit der Münze erhielt, wurde als König ausgerufen und mit Jubel in die Höhe gehoben; er machte mit Kreide ein Kreuz an die Dielen und Balken im Haus, um damit Unglück und die Gespenster abzuwehren.“

Der Kölner Ratsherr Hermann von Weinsberg betonte 1552 in seiner Chronik nicht nur, dass dieser Brauch in allen Kölnern Häusern üblich sei, sondern setzte ihn als alt und bekannt woraus. 1583 traf ihn selbst das Los. Die Wahl hatte am Dreikönigsabend, dem 5. Januar, vor dem Essen stattgefunden. Das Glück, zum König erwählt zu werden, bedeutete nach dem Volksglauben grundsätzliches Glück im kommenden Jahr – pars pro toto. Dem Fest des Bohnenkönigs folgte innerhalb der Fastnachtszeit die Revanche: Der König gab ein Königsessen. Woran man merkt: Wer feiern will, findet immer einen Grund.
Das sahen auch die Angehörigen der geistlichen Lebensformen so.
Eine Königswahl fand auch in den Klöstern statt. Dazu lud man vielerorts Gäste ein, die dem König eine Weinspende darzubringen pflegten. Auch die Subdiakone des Domes feierten ihr Königsspiel, allerdings erst am Oktavtag von Dreikönige. Dieser Brauch, der mit einer Prozession verbunden war, lässt sich bis in das 14. Jahrhundert zurückverfolgen. Dabei trug man Efeu-Kränze in den Haaren und brennende Fackeln in den Händen.
Statt einer Bohne zum Auslosen konnten auch zwei Bohnen eingebacken werden, eine weiße und eine schwarze. Die schwarze bezeichnete den Bohnenkönig und die weiße die Bohnenkönigin. Statt Bohnen ließen sich aber auch eine Münze, eine kandierte Kirsche, eine Mandel, eine Nuss, ein Stückchen Schokolade, ein Porzellankönig oder – in jüngster Zeit – ein Plastikkönig einbacken; die beiden letzteren im Zweifelsfall auch zur Freude des Zahnarztes. Losbriefchen, die einen König oder gleich den ganzen Hofstaat mit auswählten, kamen später auf.

„Buneball”


Das familiäre Königsspiel ist mit dem alten deutschen Kaiserreich untergegangen. Bis zum Ersten Weltkrieg lebte der Brauch aber darin fort, dass ab dem Dreikönigstag Maskenbälle stattfanden, bei dem die Damen Küchlein angeboten bekamen, von denen eines die berühmte Bohne enthielt, die die Finderin zur (Ball-)Königin beförderte. In Erinnerung an die alte Tradition hießen diese Dreikönigsbälle auch „Bunneball“, Bohnenball.
In dem Umstand, dass die Weihnachtsferien fast nie vor oder mit dem 6. Januar enden, klingt eine Erinnerung an diesen alten Festtag nach. Zum meist beachteten Verhaltskodex rheinischen Karnevals gehört auch noch, den Sitzungskarneval nie vor dem 6. Januar zu beginnen. Der 6. Januar, der Dreikönigstag, ist der alte Auftakt des Karnevals.

„Geistliche” Narrenfeste


Neben dem eher „bürgerlichen“ Narrenfest des Bohnenkönigs versammelten sich im Mittelalter weitere, eher „geistliche“ Narrenfeste um den Jahreswechsel, gleichfalls in der alten Tradition der Saturnalien, wonach die Kleinen auch einmal groß sein dürfen.
Wie in Köln war es in vielen anderen Städten mit Dom-, Stiftskirchen und Abteien und vor allem da, wo es Dom- oder Klosterschulen gab. Ob das Spiel „ludus episcopi puerorum“, auch genannt Kinderbischofsspiel, Knabenbischofsspiel, Schülerbischofsspiel oder – in Klöstern – Kinderabtspiel der Auslöser dieser geistlichen Narrenfeste war oder erst ein „Folgeprodukt“, ist noch ungeklärt. Über dieses Spiel liegen aber die ältesten Nachrichten vor. Bereits 867/870, auf dem Konzil von Konstantinopel, wird das festum puerorum verboten – natürlich folgenlos. Auch das Verbot des Konzils von Konstantinopel und die Verbote der Konzilien von Basel oder Trient haben das „Spiel der umgekehrten Ordnung“ nicht abgeschafft. Im 11. Jahrhundert lässt sich das festum puerorum im Abendland, in Rouen, erstmals nachweisen und hält sich dort bis in das 18. Jahrhundert. Seit dem 13. Jahrhundert, mit der Popularität des Nikolaus als Schülerpatron, bürgert sich der 6. Dezember als Festauftakt ein, wobei die gesamte Feier bis zum 28. Dezember dauert. Das eigentliche Spiel bestand darin, dass die Schüler an Kloster-, Stift- und Domschulen einen „Abt“ oder „Bischof“ wählten, der ein pompöses Fest und pomphafte Umzüge durchführte. Mancherorts wurde bei diesen Feiern die Liturgie nicht ausgespart: In den Kirchen fanden Feiern unter Leitung des Kinderbischofs statt. Ausgestattet war der Knabenbischof wie ein Bischof: mit Chorkleidung, Mitra und Stab. Zum Teil oder aber für eine bestimmte Zeit galt auch die Regel, dass die eigentlichen Bischöfe den Anordnungen der Knabenbischöfe zu folgen hatten. Der gewählte Kinderbischof zog festlich in die Kirche ein und hielt einen Gottesdienst, in dem er oft auch predigte. Den Abschluss bildete am 28. Dezember ein Fest, das oft nicht zur Freude der Ordnungskräfte auslief und in vielen Städten moralisierende Spuren in Ratsprotokollen hinterlassen hat.

Einige Volkskundler nehmen als Auslöser dieser geistlichen Narrenfeste liturgische Festtagstexte an. Unter Hinweis auf das „Magnifikat“, in dem es heißt: „Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen“ (vgl. Lk 1,52; Ez 21,31; Ps 147, 6; Hiob 5, 11;12,19), wird ein Bezug zwischen dem Knabenbischofsspiel und dem Magnifikat hergestellt. Das Magnifikat ist jedoch kein typisches Gebet für das Fest der Unschuldigen Kinder. Mit der gleichen Berechtigung ließe sich verweisen auf Mt 23,12: „Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden“ (vgl. Lk 14,11; 18,14). Es ist wahrscheinlicher, dass eines der Tagesgebete aus der Liturgie, die nur am Fest der Unschuldigen Kinder gebetet wurden, Auslöser war. Vor der jüngsten Liturgiereform hieß es zum Beispiel im Introitus: „Aus dem Mund von Kindern und Säuglingen, o Gott, verschaffst du dir Lob deinen Feinden zum Trotz“ (Ps 8,2). Oder in der Oratio: „Gott, am heutigen Tage haben die unschuldigen Kinder dein Lob verkündet.“

Rollentausch


Nicht nur die katholische Kirche selbst, sondern auch die Reformation hat so platte Lustigkeiten wie das Bischofsspiel einzudämmen und abzuschaffen gesucht. Was die Kirchenleute selbst nicht geschafft haben, hat dann die Aufklärung flächendeckend erledigt. Im 18. Jahrhundert ist die Tradition der geistlichen Narrenfeste verschwunden.

Der Festinhalt von Epiphanie oder dem Dreikönigstag hatte mit diesen Narrenfesten nichts gemein, abgesehen davon, dass man sich beim Nachspielen der Heiligen Drei Könige in Form des Dreikönigspiels oder der Sternsinger gleichfalls verkleidete. Die zeitliche Nähe zum Dreikönigstag und närrische Grundidee des Rollentausches aber verbindet die geistlichen Narrenfeste und das Bohnenfest mit Dreikönige, das dadurch in einer Zeitschiene der oft etwas plumpen Heiterkeit angesiedelt war.

Auf den Bauernhöfen und in den Dörfern war am Dreikönigstag das Dreikönigsmahl üblich, ein festliches Mahl, das die Bauernfamilie den Knechten und Mägden gab. Zum Ende des Mahls schaute man durch den Kamin auf die Sterne. Wenn eine Magd dabei drei Sterne sah, verhieß dies eine gute Ernte, was sich wiederum für die Magd auszahlte, weil noch ein weiterer guter Tropfen auf den Tisch kam. Schauten alle Mägde und Knechte durch den Kamin, erhielt jeder einzelne so viele Gläser Bier eingeschenkt, wie er Sterne zählte. Im 18. Jahrhundert wurde diese Form des Feierns langsam aufgegeben und abgelöst durch Geld-, Bier- oder Weinspenden an das Personal. Der Zeitraum zwischen dem 25. Dezember und dem 6. Januar galt als Rau(c)hnächte bzw. kirchliche Weihnachtszeit. Er hieß auch „Zeit zwischen den Jahren“, „die Zwölften“, „das Dodekahemeron“ der Orthodoxie.

Zeit zwischen den Jahren


Die Begriffsbildung nimmt Bezug darauf, dass sowohl am 25. Dezember, am 1. Januar als auch am 6. Januar Jahresbeginn gefeiert wurde, je nach Gegend oder Zeitalter. Erst seit dem 17. Jahrhundert kristallisiert sich der 1. Januar als offizieller Jahresbeginn mit allgemeiner Verbindlichkeit heraus. Die „Zeit dazwischen“, die Zeit zwischen den verschiedenen Jahresanfängen, war die Zeit „zwischen den Jahren“. 567 erkannte die Synode von Tours die Festzeiten an, die das neue und das alte Weihnachtsfest, den alten und den neuen Neujahrstag miteinander verknüpfen. Viele Losbräuche bezogen sich auf das Wetter, das vorausgesagt werden sollte, weil es Auskunft über gute Ernte oder Hunger gab. Der Dreikönigstag gilt als „Allloser“, weil jede Stunde des Tages für einen der nächsten zwölf Monate Auskunft gab. Eines der Wetterorakel schreibt vor: Am Vorabend des Dreikönigstages legt man von zwölf Weizenkörnern je eines an einem bestimmten Ort vor den Ofen. Jede Stunde gilt für einen Monat des Jahres. Am Morgen des Dreikönigstages kann man ablesen, was die Monate bringen werden. Die am weitesten fortgesprungenen Körner weisen auf Glück, Gesundheit und reiche Ernte hin. Auch die im Winter blühende Christrose wurde für Wetterorakel eingesetzt: Die als Christwurz, Schneekatze oder Schneerose bezeichnete Christrose erinnert an den Spross aus der Wurzel Jesse, nämlich Jesus: Zwölf zu Weihnachten in Wasser gestellte Knospen versinnbildlichen die Monate des Jahres. Offene Knospen zu Weihnachten kündigen gutes, geschlossene Knospen schlechtes Wetter im entsprechenden Monat an.

Wetterorakel


Die gleiche „Wettervorhersage“ erhoffte man sich vom Zwiebelorakel oder vom Vierjahreszeitenorakel: Von einer halbierten Zwiebel werden zwölf Schalen nebeneinander gelegt, die jeweils einen Monat versinnbildlichen. Mit einer Prise Salz bestreut, zeigen sie am nächsten Morgen an, wie der entsprechende Monat wird: feucht oder trocken. Zu den Wetterorakeln gehört auch das Vierjahreszeitenorakel: Zu Weihnachten legt man in die vier Ecken eines Raumes, die jeweils ein bestimmtes Vierteljahr bezeichnen, eine Zwiebel. Hat an Dreikönigen eine Zwiebel ausgetrieben, wird dieses Vierteljahr fruchtbar sein.
Die mit dem Dreikönigstag verbundenen Wetter- oder Bauernregeln haben nichts mit dem Festinhalt zu tun, sondern machen die Wetterregeln nur vom Bezugspunkt 6. Januar abhängig. Einige dieser Regeln lauten:

Ist’s an Dreikönig sonnig und still,
der Winter vor Ostern nicht weichen will.

Dreikönigsabend hell und klar
verspricht ein gutes Weinerntjahr.

Heilig Drei König ohne Eis,
da wird Pankratius sicher weiß.

Der Dreikönigstag war auch einer der Merktage zur Messung der
Tageslänge:

An Neujahr um einen Hahnenschritt,
An Heilig Dreikönig’ um einen Hirschsprung,
An Sebastian um eine ganze Stund,
An Mariä Lichtmess merkt man erst was drum.

Feiern bis die Schwarte kracht


Das Feiern, „bis die Schwarte krachte“, war am Dreikönigstag Pflicht. Denn: Aller Anfang geht mit, sagt der heilige Augustinus. Der Glaube, dass Form und Inhalt eines Neuanfangs die ganze restliche Folge prägen, ist uralt. Nicht nur jüdischer Tradition entspricht es, alte Schulden im alten Jahr zu begleichen. Das neue Jahr hat man frisch gewaschen zu begrüßen, symbolisch wird der alte Schmutz abgewaschen. Oft gehörte dazu, dass man
völlig neu eingekleidet war. Die Reinigung von Altem bietet im neuen Jahr Schutz. Was an Neujahr geschah, hatte nach dem Glauben unserer Vorfahren Auswirkungen auf das ganze Jahr. Entsprechend heißt es im Erzgebirge: Wenn man Neujahr etwas
falsch macht, geht es das ganze Jahr verkehrt. Streit ist deshalb Neujahr tabu, Ordnung in allen Bereichen oberste Pflicht, ebenso Überfluss bei Essen und Trinken, damit niemand im neuen Jahr hungern muss. Tüchtiges Essen und Trinken an solch einem Termin sorgt, so glaubten die Menschen, dafür, dass es im ganzen Jahr so bleibt. In der Steiermark und anderswo hieß die Nacht „Dreimahlsnacht“, weil man drei verschiedene Mahle, früher sogar neun, zu sich nahm: Haferkoch, Roggenkoch und Milchkoch.

Durch diese und viele weitere Bräuche hat sich das Wissen über die Heiligen Drei Könige und ihre Verehrung bis heute gehalten. Viele dieser Traditionen leben auch in unserer säkularisierten Gesellschaft fort. Der Sternsingerbrauch ist sicherlich der am meisten verbreitete und lebendigste Beweis dafür.

© Prof. Dr.theol. Manfred Becker-Huberti, Köln

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